Von Harald Strohm
Die Geschichte des Christentums ist von eigentümlichen Kulten und Erzählungen über das Stillen durchflochten. In einer seiner Weissagungen über die Endzeit soll schon Jesus gesagt haben: «Wehe . . . den Stillenden in jenen Tagen!» (Lukasevangelium 21,23). Auf dem Weg zur Kreuzigung habe sich Jesus, wie Lukas überliefert, eigens zu einigen Frauen umgewandt und gerufen: «Ihr Töchter Jerusalems, weinet nicht über mich; weinet vielmehr über euch und eure Kinder! Denn siehe, es kommen Tage, wo man sagen wird: Selig . . . die Brüste, die nicht gestillt haben . . .» (23,29).
Seltsam – man würde erwarten, dass ein solches «Wehe . . .» den Sündern und Ungläubigen gegolten hätte. Warum ausgerechnet den «Stillenden» und ihren «Kindern», denen Jesus das Himmelreich verhiess? Das Stillen scheint hier Baustein einer Psychologie zu sein, die sich mit rationalen Mitteln kaum rekonstruieren lässt. Die Vorstellungen, die ihr zugrunde liegen, haben aber in «tieferen» Seelenschichten fortgewirkt und bald schon Legenden und Kulte hervorgebracht, die sich um das Stillen ranken.
Wichtigster Anknüpfungspunkt war die Weihnachtsgeschichte mit dem Jesuskind in der Krippe – was so ebenfalls nur bei Lukas überliefert ist. Vom Stillen ist bei Lukas zwar nicht ausdrücklich die Rede. Aber die Phantasie der Gläubigen komponierte das bald schon hinzu, und zwar mit bemerkenswerter Leidenschaft. Spätestens ab dem frühen Mittelalter entstanden Darstellungen der «Maria lactans», der stillenden Maria, mit ihrem charakteristisch nachtblauen Überwurf und morgenroten Untergewand.
Bei den Goldgrundmalern des Mittelalters blieb die Szene meist keusch und etwas unbeholfen, die freigelegte stillende Brust der Mutter Gottes war flächig und unnatürlich dargestellt. Aber spätestens bei Lucas Cranach wurde sie dann realistisch und in ästhetischer Perfektion ausgeführt. Ihm folgten viele – Rembrandt, José de Ribera, Andrea di Bartolo, Murillo oder Rubens.
Für die amtlichen Oberen der Kirche war diese Entwicklung nicht einfach, prangten doch nun von den Wänden der Gotteshäuser Bilder von Frauen mit entblösster Brust. Das erinnerte gefährlich an die «leichten Mädchen», die als Sünderinnen und Gefahr für eine volle Ewigkeit verrufen wurden. Zum Glück gab es Gegenbilder, mit denen man die Darstellungen der stillenden Maria kontrastieren konnte, um der Züchtigkeit zu ihrem Recht zu verhelfen.
Das Matthäusevangelium mit den Königen aus dem Morgenland und die Kindheitsgeschichte bei Lukas hatten der Passion Jesu als Gegenpol ein Bild seiner frühesten Kindheit gegenübergestellt. Wie an der Passion sollten sich auch an der Kindheitsgeschichte lebhafte Visionen entzünden. Man denke nur an die Kindesvisionen des heiligen Franziskus, des heiligen Dominikus, der heiligen Birgitta oder des heiligen Antonius von Padua. Sie alle, zumal die des Antonius, ergriffen die Herzen der Menge. Mit welch tränenlösender Empathie und künstlerischer Vollendung wurde Antonius mit dem Gottessöhnchen im Arm gemalt – von van Dyck etwa, von Tiepolo oder Murillo.
Doch es blieb nicht bei blossen Visionen des Jesuskinds. Wie Franziskus und andere Heilige traten auch gewöhnliche Gläubige schon früh in die Fussstapfen einer Nachfolge Christi. Das heisst, sie lebten das Schicksal von Jesus selber noch einmal durch. Von der Passion inspiriert, öffneten sich ihnen dann Wundmale wie jene von Jesus am Kreuz; von der frühen Kindheit und Stillzeit Jesu aber fanden sie sich – von den Brüsten der Mutter Gottes berührt und verlockt.
In einem – wiewohl späten – Epigramm über den heiligen Augustinus heisst es, er habe, man weiss nicht, geklagt oder geschwelgt: «Hier weide ich von der Wunde (Christi), hier werde ich von der Brust (Mariens) gestillt. In die Mitte gestellt, weiss ich nicht, wohin mich wenden.» Die Maler liessen es sich auch hier nicht nehmen, die Szene in üppiger Anschaulichkeit umzusetzen. Allen voran und im Zug der Gegenreformation wieder Rubens.
In einem seiner Monumentalgemälde, das in der Königlichen Akademie der Schönen Künste zu Madrid zu sehen ist, zeigt er Augustinus mit halb scheuen, halb leuchtenden Augen zwischen dem Auferstandenen mit seiner blutenden Seitenwunde und der jugendlichen, zauberhaft schönen Maria, die dem Heiligen freimütig und ohne Rücksicht auf die geltenden Moralvorstellungen ihre rechte Brust reicht.
Doch auch damit noch nicht genug: Mehrere Heilige des Mittelalters fanden sich irgendwann nicht mehr nur wie Augustinus ratlos «in die Mitte gestellt» zwischen Maria und Christus. Es zog sie klar zu Marias offener Bluse hin. Der berühmteste war der heilige Bernhard von Clairvaux. Eine Vielzahl erhaltener Malereien und einfacher, erschwinglicher Stiche für den Hausgebrauch zeigt ihn bei seiner «Lactatio», «Milchung». Und wer gar einmal ein solch kolossales Deckengemälde wie das des Cosmas Damian Asam in der barocken Wallfahrtskirche im bayrischen Fürstenfeld bestaunt, kann schwerlich anders als vermuten: So grotesk das späte und sekundäre Gestillt-Werden des Heiligen auch wirkt, so sehr muss es den Nerv der Zeit getroffen haben.
Die Sehnsucht und stille Hoffnung seiner Betrachter nämlich, in den Schreckenszeiten von Pest, Hunger, Wahn und Krieg von den Brüsten der Mutter Gottes Trost und heilige Stärkung zu erhalten. Quer über den mächtig aufgespannten Kirchenhimmel spritzt die Himmelskönigin und Weltenherrscherin dort, das halbjährige Christkind im Arm, ihren Milchstrahl in den Mund des Heiligen und Ordensgründers. Die ganze Szenerie wird von himmlischen Musikanten überschmettert und ins zartrosa Licht der eben aufgehenden Sonne einer besseren Welt getaucht.
Auf diesem Boden wuchs zuletzt der sonderbarste Stillkult der Christenheit. Er wurde im «einfachen Volk» geboren und entwickelte sich in der frühen Neuzeit zu einem Fest mit Namen «Das Königreich am Dreikönigstag» oder «Der König trinkt». In weiten Teilen Europas, insbesondere aber das Rheintal hoch, Schwerpunkt Niederlande, begeisterte es quer durch alle Schichten für mehrere Jahrhunderte.
Datum des Festes war der 6. Januar, also der Tag des alten Epiphanie- oder Erscheinungsfestes. An ihm wurde bereits seit der christlichen Frühzeit der Erscheinungsformen gedacht, durch die sich die Göttlichkeit Christi gezeigt habe. Die Geburt durch die Jungfrau gehörte dazu, wurde später aber auf den Tag der Wintersonnenwende vorgezogen. Ausserdem wurde das Erscheinen der Magier (Heilige Drei Könige) als Zeichen der Göttlichkeit Jesu schon früh am 6. Januar gefeiert, wie heute noch ebenso die Taufe am Jordan sowie Jesu erstes Wunder auf der Hochzeit zu Kana.
Auch beim volkstümlichen «Der König trinkt»-Fest wurde die Göttlichkeit Jesu zur Geltung gebracht, aber auf völlig andere Weise: Hier feierte man sie mit einem kräftigen Schluck Wein. Kultisch hochgespielt und symbolisch aufgeladen wurde das Ganze zur heiligen «Imitatio», zur Nachahmung jenes ersten Schlucks Milch, den Christus einst aus Mariens Brust getrunken hatte.
Auch ein Kuchen spielte im Fest eine wichtige Rolle, genau wie beim heutigen Dreikönigsfest. In den Kuchen war eine Bohne eingebacken worden, und nachdem die kleine Festgemeinde sich versammelt hatte, bekam jeder ein Stück davon. Die meisten gingen leer aus. Wer aber die Bohne fand, war Bohnenkönig und wurde mit einer Krone aus Blech oder Pappe geadelt. Er hatte nun, ähnlich wie Jesus bei der Hochzeit zu Kana, die Gäste freizuhalten.
König war er zum einen, weil er, wie einst die Drei Könige das Christuskind, etwas gesucht und gefunden hatte. Zum anderen war er durch die Bohne ja auch selbst gefunden worden. Und damit fiel ihm zugleich die Rolle des kleinen Jesus und neugeborenen Königs der Juden zu. Ihn darstellend, erhob der Bohnenkönig zum Auftakt des häuslichen Gelages ein Glas Wein und trank einen ersten Schluck, während die Festgemeinde jubelte und ihm zurief: «Der König trinkt.» Was er trank, war die zu Wein, zu weissem Wein «gewandelte» Milch der Mutter Gottes.
Diese, die «allerheiligste» Szene des Bohnenkönigsfests wurde in Hunderten immer wieder ähnlichen Bildern festgehalten, vor allem von Jacob Jordaens (1593–1678). Ein Bild aus der Sammlung der Ermitage zeigt den gekrönten Bohnenkönig, wie er in seiner illustren Gesellschaft soeben das Glas mit seiner alkoholischen Marienmilch hebt. Der nackte, pinkelnde und wohl tatsächlich frisch gestillte Säugling rechts markiert die reinszenierende Rolle des Bohnenkönigs dabei ebenso wie der Narr.
Denn wie der Bohnenkönig regrediert auch der Narr in die Welt des frühkindlichen Gestillt-Werdens – indem er ganz unbefangen in den Ausschnitt der Dame vor sich greift. Das ganze Arrangement zeigt insofern ein dreifaches «Prosit» – zur Ehre des neugeborenen Gottessohns und der stillenden Brüste Mariens an Epiphanie. Zumindest dieser Tag hatte damit das Zeug zu ausgelassener Freude und heiliger Festlichkeit.
In Resten lebt der alte Brauch bis heute fort. Besser gesagt: Er wurde wieder zum Leben erweckt, jedenfalls was den Kuchen betrifft. Zumal in der Schweiz erfuhr er in den 1960er Jahren eine Renaissance. Damals beschäftigte sich der Berner Volkskundler Max Währen mit der Geschichte des Backwerks und stellte fest, dass der Königskuchen am Aussterben war. Er begeisterte sich für die Idee, die Tradition wieder zu beleben.
Also schloss er sich mit dem Bäcker- und Konditorenverband kurz. Die Bäcker kreierten ein Rezept für einen Kuchen. Am 3. Januar 1953 ging eine Radiosendung durch den Äther, in der die Geschichte des Bohnenkönigs erzählt und auf die Kuchen aufmerksam gemacht wurde, die es in den Bäckereien neu zu kaufen gab. Mit durchschlagendem Erfolg: 50 000 Kuchen mit Plastikfiguren statt Bohnen sollen in den nächsten Tagen über die Theken gegangen sein. Als die Grossverteiler auf den Zug aufsprangen, war kein Halten mehr.
Artikel erschienen in: Neue Zürcher Zeitung; 04.01.2020 / Literatur und Kunst / Seite 42