Wider die kiffenden Lügenpriester

Zoroaster (um 1000 v. Chr.) prägte die Religionsgeschichte weltweit. Nun ist eine neue Übersetzung zoroastrischer Texte sowie aktuelle Studien zu diesem einflussreichen iranischen Religionsstifter erschienen.


Von Harald Strohm

Wie Hegel und Nietzsche, so sah auch schon Platon in Zoroaster eine Figur von weltgeschichtlich einzigartiger Bedeutung; und wie jene, so kokettierte auch schon der alte Athener mit der Idee, er selbst sei eine Art wiedergekehrter Zoroaster. Nicht nur in seiner iranischen Heimat war Zoroaster, bis zur arabischen Eroberung und Islamisierung des Landes, für mindestens zwölf Jahrhunderte eine zentrale Gestalt der Geistes- und Religionsgeschichte. Auch seine Einflüsse auf das Juden- und Christentum sind, obwohl oft bestritten, im Ganzen doch eher wahrscheinlich; desgleichen die auf die griechische Geisteswelt. Und nicht zuletzt lebte vieles von Zoroasters Lehre in den mannigfachen Strömungen der Gnosis fort; oft tut es das bis auf den heutigen Tag.

 

Rigoroser Monotheist

Zoroaster war (neben Echnaton) der Erste, der einen rigorosen Monotheismus, verbunden mit dem Anspruch auf exklusive Wahrheit, verkündete. Er war der Erste, der die Weltgeschichte als linearen Prozess und zugleich als permanenten Krieg zwischen den Mächten des Guten und des Bösen deutete. Und er war der Erste, der für die Endzeit der Weltgeschichte ein kosmisches Feuergericht prophezeite, bei dem zugunsten seiner, der wahren Religion alles Böse und alle Bösen endgültig vernichtet würden...

Genauere Einblicke in die Religion Zoroasters ermöglichte erst der junge Franzose Abraham Hyacinthe Anquetil-Duperron. Er hatte sich 1754 zur grössten verbliebenen Gemeinde des Zoroastrismus aufgemacht: zu den Parsen nach Bombay. «Etliche Bücher, zwei Hemden und ein Paar Socken», heisst es, «waren sein ganzes Gepäck.» Mit nach Hause brachte Anquetil das Avesta, eine Sammlung überwiegend zoroastrischer Schriften, sowie erste Kenntnisse zu deren Erschliessung.

Die Forschung nahm ihren Lauf. Dabei fügte es sich glücklich, dass parallel, ja eng verwoben mit den ersten Avesta-Studien, die neue Sprachwissenschaft der Indogermanistik schnelle Fortschritte machte. Dadurch zeichnete sich bald schon ab, dass zumal die älteste Textschicht Indiens, die Gedichte des Rigveda, mit einer ihrerseits erkennbar altertümlichen Schicht des Avesta eng verwandt war: mit den sogenannten Gathas, siebzehn «Singstrophen», die, obgleich zum grossen Teil unverstanden, den Parsen noch heute heilig sind.

Im Zuge der Erschliessung des weniger sperrigen Rigveda liess sich bald auch der Inhalt jener Gathas immerhin erahnen: Aus den Gathas spricht eine konkrete historische Person, ein Prophet, erfüllt von Glaubenseifer, Zorn und militärischen Phantasien. Zunächst unbeliebt und abgewiesen, geriet er, etwa vierzigjährig, in die Obhut eines örtlichen Regenten mit Namen Vishtaspa und konnte von nun an seine Visionen vom einzig wahren Gott, vom permanenten Krieg zwischen Gut und Böse frei verkünden.

Kurz: Der Dichter dieser Gathas war kein Geringerer als eben jener legendäre altiranische Prophet selbst, ein Priester aus dem Geschlecht der Spitama, dessen Name «Zarathushtra» wohl «der von den alternden Kamelen» bedeutete – und der erst von Nietzsche die heute geläufige Form «Zarathustra» erhielt. Er hat, so wird heute im Allgemeinen angenommen, um etwa 1000 v. Chr. gelebt.

Für den unermesslichen Fleiss und den wissenschaftlichen Einfallsreichtum, den die Entschlüsselung dieser einzigartigen und politisch anhaltend brisanten Texte bis heute erfordert, sind keine Nobelpreise vorgesehen. Das Beherrschen des präzisen linguistischen Fingerspiels und das ausgebildet-feine Gehör für die poetischen Möglichkeiten längst verschollener Sprachen sind hier stets der wichtigste Lohn und Lorbeer. Dass sie genügten, bezeugen die Schriften eines F. Carl Andreas und Paul Thieme, eines Karl Hoffmann und einer Mary Boyce und auch die des «Jüngsten» in diesem Kreis: Helmut Humbach, 88, dessen Buch über Zarathustra und seine Antagonisten kürzlich erschienen ist.

Der erste Teil des Buches ist eine Führung durch Humbachs Sprachlabor, das prominenteste der modernen Gatha-Forschung. Humbach verweist darin zuvorderst auf die unterschiedlichen Schrift- und Sprachüberlieferungen, deren intime Kenntnis ihm immer wieder neue Einblicke ermöglichte. Nach der Öffnung seiner Werkzeugschränke führt Humbach sodann zu seiner Werkbank und zeigt seine neuesten Stücke. Eines ist die Übersetzung des Wortes «Graehma». – Zarathustra ging mit – andersgläubigen – Kontrahenten stets scharf ins Gericht. Er nannte sie «Lügner», einer galt ihm als «Sodomit», und ihr kultisches Getränk verspottete er als «Pisse».

 

«Opferfresser» oder «Grasbande»

Problematisch blieb lange die Bezeichnung «Graehma». F. C. Andreas und Lommel übersetzten sie mit «Opferfresser». Humbach zeigt nun aber, dass die altindischen und griechischen Verwandten des Wortes auf die avestische Bedeutung «Gras, Heu» verweisen. Und diese hat nicht nur weitere grammatische Erwägungen für sich. Sie ergibt sogleich auch Sinn, wenn man bedenkt, wofür das Wort «Gras» ja naheliegenderweise auch heute wieder gebraucht wird: für Haschisch. – Humbach ersetzt daher «Opferfresser» durch «Grasbande» und gibt eine korrespondierende Gathastelle wieder mit: «... der Lügenpriester zieht dem Wahrsein das [Kiffen] vor».

Im zweiten Teil des Bandes sind Humbachs neueste Forschungsergebnisse eingearbeitet in eine neue Gesamtübersetzung der Gathas, seine dritte nach jenen von 1959 und 1991. Entstanden mit der tatkräftigen Unterstützung seines Kollegen Klaus Faiss, wird sie aller Voraussicht nach für Jahre Standard bleiben; in Fachkreisen ohnehin – und man wünschte im öffentlichen Interesse: nicht nur dort.

Besprochenes Buch: Helmut Humbach and Klaus Faiss: Zarathushtra and His Antagonists, A Sociolinguistic Study with English and German Translations of His Gathas. Reichert, Wiesbaden 2010. 216 S., € 69.–.

Artikel erschienen in: Neue Zürcher Zeitung; 22.12.2010
Zum Artikel: https://www.nzz.ch/wider_die_kiffenden_luegenpriester-ld.959944