Exposé
Die Götter oder die Gottheit nach der berühmten Frazerschen Definition mit „Magie“ zu zwingen, ist das eine Extrem, ihre Befehle und Botschaften passiv und als bloßes Sprachrohr nur zu „channeln“ und sich dem auferlegten Schicksal demütig zu unterwerfen, das andere. Zwischen ihnen spannt sich das Feld von Formen auf, in denen Menschen in umgänglichen Kontakt mit jener anderen Welt zu treten suchen.
Als geeignetes Medium der Kommunikation kommt dabei nicht nur die gewöhnliche Sprache mit ihren Möglichkeiten zu Klage und Beschwerde, zu Bekenntnis und Dank, zu Zweifel und Rückversicherung, zu Bitten und Beten in Betracht. Vertiefte Wirksamkeit scheint vielmehr von der ins Poetische und Musikalische gehobenen Sprache auszugehn: Lyrik und dichte Prosa, Gesang und Gesinge scheinen Ohr und Mund auf beiden Seiten zu öffnen und zu befreien. Desgleichen die geheimnisvolle, metaphorische und rätselhafte Rede, ja überhaupt das profan Schwer- oder Unverständliche, dessen Endpunkt im Verstummen liegt. Schon mancher Schamane, Seher, Prophet fand sich in dieser Not ...
Um die Gottheit zu Botschaften zu provozieren und sich für göttliche Bekundung zu öffnen werden neben poetischen auch psychedelische Methoden gepflegt und empfohlen: Drogen, Askese und Keuschheit, Einsamkeit und Anspannung (Yoga), Schlafentzug, ... wilder Tanz, Ausgelassenheit, Schmerz, Blutzoll und weitere Ekstasetechniken ...
Aber auch gänzlich averbale Formen scheinen das Göttliche ansprechen und seiner Botschaft Ausdruck verleihen zu können. Formationen und Termine des Vogelflugs, der Planetenbewegungen, Befunde von Lebern und anderer Eingeweide, geworfene Hölzchen, Kartenfolgen, Handlinien, ja Kaffeesatz und Lüscherkleckse ...: Sie alle scheinen das Zeug zum Tragen göttlicher Nachricht und menschlicher Anfrage zu haben – bedürfen aber gerade ob ihres averbalen Charakters um so dringlicher der beredten Rechtfertigung und Auslegung von Experten.—
In den vergangenen Jahren erwies sich die Freiheit der Referenten bei der Themengestaltung als günstige Voraussetzung für originelle Beiträge. Deshalb seien auch dieses Jahr nur einige Hauptlinien markiert, um die sich unsere Diskurse ordnen mögen:
Die phänomenologische und poetologische Analyse der Mantik und Mantrik wird wohl zu ergänzen sein mit psychologischen und psychoanalytischen Reflexionen im weitesten Sinn: Welche „intrapsychischen Mechanismen“ kommen hier zum Tragen? Inwiefern überschneiden sie sich mit Pathologischem, aber auch mit „Allzumenschlichem“ in anderen Nischen des Lebens ...?
Unerläßlich werden sodann die soziologischen Fragen sein: Welche Qualifikationen machen zum „Auserwählten“, welche Formen der Hierarchisierung, der Herrschaftskritik und Herrschaftslegitimierung kommen dadurch zustande ...? – Von daher werden sich auch gesellschafts-politische und Diskurs-theoretische Fragen stellen: Inwieweit sind Diskurse mit dem Göttlichen offen, frei und intersubjektiv kommunizierbar – und wie können Gesellschaften, die sich als offen und frei deuten, mit diesen randständigen und schwer greifbaren Kommunikationsformen konstruktiv umgehen ...?
Und nicht zuletzt wird die stille Leitfrage unserer ‚Lindauer Symposien ...’ aufzugreifen sein: Wie unterscheiden sich die primären und sekundären Religionen in ihrem Verständnis und in ihrem Umgang mit „Orakeln und Offenbarung“? Wie unterscheiden sich die in den meisten Religionen anzutreffenden Formen von Orakeln, Zeichendeutung und Wahrsagerei von den als Wort Gottes kodifizierten Offenbarungen der Schriftreligionen? Harald Strohm
Alle Beiträge
werden in einem Sammelband bei W. Fink
veröffentlicht. 
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