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Rezensionen |
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International Review of
Biblical Studies, 49
Edited by Berhard Lang
The author presents
readings of selected passages from the (Indian) Rigveda in the light of modern
knowledge about early pre-amnesic childhood. The ancient deities, and
especially Indra, show characteristics of children, an many if not most
features of religion may actually be derivative of or echoing early-childhood
scenarios. In Christianity, we see the confrontation of children with their
father (who ist the only one to educate them, for the mother has mysteriously
disappeared). Scholars of religion will find much to ponder in this learned and
stimulating book.
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Neue Zürcher Zeitung
Feuilleton 19./20. Juli 2003
Religionspsychologie, dreirädrig
LL. Wenn Inda, der meistadressierte Gott im vedischen
Pantheon, "mit dem Dreirad zur Hochzeit" fährt, dann ist dieses gleichsam
trinitarische Vehikel gewiss jeglicher Neugier wert. Sie wird in Harald Strohms
weit gespannten religionspsychologischen Untersuchungen über den Ursprung
der Religion (Singular!), die originell zu nennen eine krasse Untertreibung
wäre, bald gestillt. Alle der von ihm gedeuteten Mythen "handeln von der
Lebensspanne zwischen Geburt und - vorläufig gesprochen - ungefähr
dem Ende des zweiten Lebensjahres, der Zeit des (aktiven) Spracherwerbs" - und
der frühkindlichen Amnesie. Eben der Letzteren wegen ist dieses immanente
psychologische "Jenseits" in besonderer Weise der anamnetischen Deutung
bedürftig und in noch besondererem Masse für sie qualifiziert. Nun
fehlt es, gerade weil die Religionspsychologie so faszinierende Fragestellungen
offeriert, in ihr nicht an konkurrierenden Modellen; wir erinnern nur an Freud,
an Jung oder, jüngeren Datums, die religionspsychologische
Pränataldiagnostik. Aber im Grunde kann es gar nicht zu viel von derlei
Versionen geben, weil jede bestimmt ist, einen unersetzlichen,
unverwechselbaren Teil menschlicher Erfahrung aufzuheben. Das ist in diesem so
material- und deutungsreichen Buch ganz gewiss in oft verblüffender Weise
geglückt. Auch werden sich nur akademische Pharisäer an der
Unbefangenheit seines Autors stören, der seine Leser gerne über Stock
und Stein auf seinem Dreirad mitnimmt. Schließlich wird man nicht
stirnrundzelnd zu bedenken geben wollen, dass hier eine elaborierte
religionspsychologische Hypothese eine höchst elaborierte religiöse
Welt von Geschichten und Bildern auf eine nicht ganz so elaborierte Phase der
menschlichen Entwicklung zurückführen will. Am besten, man liest das
Buch als Geschichte, die ein begabter Geschichtenerzähler etwas
älteren Lesekindern erzählt: Warum Indra ausgerechnet mit dem Dreirad
zur Hochzeit fuhr ...
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psychologie heute
Buch & Kritik - Nr. 7, 2003, 72 ff.
Der Schlüssel liegt in der frühen Kindheit
Harald Strohm sucht die Wurzeln der Religion - die Säuglingsforschung
hilft ihm dabei Der Lindauer Philosoph und Privatgelehrte Harald Strohm,
Jahrgang 1953, hat bereits vor einigen Jahren den provokanten, teilweise
problematischen, aber auf jeden Fall höchst lesenswerten Band Die Gnosis
und der Nationalsozialismus vorgelegt. Jetzt holt Strohm, dessen erklärtes
Interesse der Religionswissenschaft gilt, zum geschichtsphilosophischen
Rundumschlag aus. Sein neues Buch versucht nichts Geringeres, als das
Verhältnis von Früh- und Spätreligionen neu zu bestimmen, und
dies aus psychologischer Sicht. Viel spricht dafür, dass Strohm dieses
Unterfangen nur wagen konnte, weil er - trotz hervorragender Fachkenntnisse -
nicht nur unbefangen, sondern auch unabhängig geblieben ist. Von
hochspezialisierten Lehrstuhlinhabern sind solche erfrischenden
grenzwissenschaftlichen Studien heute in der Regel nicht zu erwarten. Strohm,
das sei vorausgeschickt, verhebt sich nicht an den Dimensionen des Projekts
Über den Ursprung der Religion. Dessen Untertitel Warum Indra mit dem
Dreirad zur Hochzeit fuhr klingt verwegen, ist aber auf hintersinnige Weise
programmatisch. Ausgangspunkt ist die offenkundige Unterschiedlichkeit der
Weltreligionen, die in seinen Augen mit der jeweiligen Entstehungszeit
zusammenhängt. Die Spätreligionen, zu denen vor allem die drei
abrahamitischen Hochreligionen Judentum, Christentum und Islam gehören,
kreisen im Wesentlichen um "die letzten Dinge": um das Ende der Welt, das
Jüngste Gericht, Hölle, Paradies oder Verdammnis und um die Art des
Weiterlebens nach dem irdischen Tod. In den Frühreligionen hingegen
dominieren andere Themen, vor allem die Entstehung der Welt und der Ursprung
des Menschengeschlechtes. Überschneidungen sind selten - so selten, dass
einst Padre Francisco das Popol Vuh der Maya nur deshalb kopierte, weil es ihn
an die biblische Schöpfungsgeschichte gemahnte. Umgekehrt ist vielen
Beobachtern aufgefallen, wie einzigartig eben diese Schöpfungsgeschichte
samt Sündenfall in der Textfülle der Bibel dasteht. Die frühen -
oder "heidnischen" - Religionen "scheinen Ausdruck eines gemeinsamen
psychologischen Prinzips zu sein, aus ihnen scheint etwas elementar
Menschliches zu sprechen", meint Strohm und fährt fort: "Diesen Sinn,
mithin die Psychologie des Heiligen in den frühen Religionen aufzuzeigen,
ist Thema dieses Buches." Und worin besteht nun jenes "elementar Menschliche"?
Strohm, der seine Beweisführung vor allem auf den altindischen Rigveda
stützt, entdeckt es in der frühkindlichen Entwicklung, im Drama der
individuellen Menschwerdung, welches die Frühreligionen in mythischer
Gestalt widerspiegeln. Um diese Hypothese zu stützen, bringt Strohm
frühreligiöse Texte mit den Ergebnissen der modernen
Säuglingsforschung von Autoren wie etwa John Bowlby, Martin Dornes und
Daniel N. Stern in Verbindung. Da Strohm gut schreibt, liest sich die
Darstellung fesselnd, auch wenn man nicht "vom Fach" ist. Ob er seinen Quellen
immer gerecht wird oder Interpretation bisweilen überdehnt, vermag der
religionswissenschaftliche Laie nur schwer zu beurteilen. Das Fazit seiner
Studie hat Strohm bündig zusammengefasst: "Chakakteristisch für
unsere Spezies ist eine mehrjährige frühe Kindheit. Zwar versinkt die
Welt der frühen Kindheit im Zuge des Spracherwerbs in den Schlünden
der frühkindlichen Amnesie. In spezifischen Freiräumen tritt sie im
späteren Leben aber doch wieder nach oben; unter anderem in der Welt des
Religiösen. ... Dass wir für diesen einfachen psychologischen
Zusammenhang und für auffälligen globalen Parallelen so lange blind
waren und fremde Religionen deshalb in eurozentrischer Vermessenheit und
Arroganz als Heidentum', wo nicht als primitives' Machwerk von
Wilden' abtaten, dies, so scheint mir, hat einen leicht durchschaubaren
Grund: Unsere modernen' Religionen waren und sind ein Seitenzweig jenes
alten Heidentums' ... erst nach dem Herabsteigen von diesem
randständigen Ast zeigt sich das ganze Gewächs." Eine spannende
These, begründet in einem empfehlenswerten Buch. |
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Archäologie in Deutschland
Bücher - 5/2003
Über den Ursprung der Religion
An zahlreichen Zitaten aus dem altindischen Rigveda
entwickelt der Autor seine Hypothese, die Mythen um den Gott Indra spiegelten
die Phasen der frühkindlichen Entwicklung wider. Und dies gelte für
die gesamte religiöse Welt vor der so genannten Achsenzeit., nach der sich
erst individuelles Bewusstsein in Religion und Philosophie manifestiert habe.
Widmen sich die frühesten Mythen der Schöpfung, verschieben die
späteren, von Vatergöttern bestimmten Religionen ihr Augenmerk auf
das Weltende oder die Erlösung. Die Kleinkinderwelt bleibt nun - wie
für die Wahrnehmung der Erwachsenen - hinter einem Schleier der Amnesie
verborgen. Das Buch bietet viele Anregungen und Vergleiche zwischen
religiösen Phänomenen, geht aber bisweilen unbekümmert mit -
auch archäologischen - Quellen unterschiedlicher Epochen um. Es sei eher
Lesern empfohlen, die bereit sind, sich mit Schriftquellen zu befassen.
Interessant sind die einbezogenen Erkenntnisse der modernen Kleinkindforschung,
die Einblicke in eine vergessene Wahrnehmungswelt gewähren. |
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Sakrament und Sakrileg Nr. 13, 2006, S. 25
ff
Vor etwa sechs Jahren legte Harald Strohm mit seinem
Buch Die Gnosis und der Nationalsozialismus ein religionswissenschaftlich
interessantes und lesenswertes Werk vor. (vgl. SuS Nr.2/April 1998) Jetzt
versucht er, mit seiner neu erschienen Publikation Über den Ursprung der
Religion oder: Warum Indra mit dem Dreirad zur Hochzeit fuhr zu ergründen,
wie der Mensch überhaupt zur Religion gekommen ist. Zunächst fragt
Strohm nach dem psychologischen Sinn der frühen Religionen, wobei ihm hier
der Rigveda [Rv] als primäre Textgrundlage dient. Strohm beschreibt, wie
im Rv eine kleine Götterschar zum Vorschein kommt, die allerhand Abenteuer
zu bestehen hat. Sinn und Ziel all ihres Treibens bestehe in der Erschaffung
der Welt. (11) Aber schon der Rv markiere den Endpunkt der sog.
heidnischen Religionen, die einfach andere Themen als Schuld und
Erlösung gehabt hatten. Bereits Zarathustra bildet den Wendepunkt, der die
altindischen Götter zu Teufeln machte, und dessen Denken das Abendland
grundlegend geprägt haben dürfte. S. stellt sich die Frage, wie
überhaupt aus den rigvedischen Mythen der Mythos Zarathustras hervorgehen
konnte (20), anders gefragt, wie aus den Mythen um die Erschaffung der Welt
solche um Schuld, Erlösung, Weltuntergang werden konnten. Die These
des Verfassers lautet: Die Schöpfungsmythen des Rigveda blenden
nicht zurück in jene Vergangenheit, die nach Jahrmillionen rechnet,
sondern in jene, die eine knappe Lebensspanne zurückliegt: an den Anfang
des menschlichen Erlebens, in die frühe Kindheit. (22) Freilich sei
diese These nicht neu, schon Freud habe darauf hingewiesen, doch habe dieser
die Ereignisse in eine zu späte Phase des Kindheit gelegt. S. sagt:
Diese Mythen handeln von von der Lebensspanne zwischen Geburt und...
ungefähr dem Ende des zweiten Lebensjahres. (22) Im folgenden
bemüht sich der Autor, für seine Thesen die Ergebnisse der
Säuglingsforschung heranzuziehen. Diese Phase der frühesten Kindheit
liege für jeden Menschen in einer Amnesie, insofern jede Kindheit in einem
Jenseits liege, zu dem uns die Säuglingsforschung jedoch Wege
öffnen könne. (22) Auch die Dichter des Rv hätten um die
Prozesse der Schöpfung gewußt, natürlich aus anderen Quellen
als die Säuglingsforscher. (23) Im Vordergrund des Rv stehe Indra, der nun
die Abenteuer des Gehenlernens des Sehenlernens und das Abenteuer um Binden und
Lösen zu bestehen habe. Er ist ein Gott, der als kleines Kind
verstanden werden will, (28) weshalb man ihn auch goldig
nennt. Allerdings müsse man seine Geburt im übertragenen Sinne
verstehen, so wie man heute noch als 40jähriger sich wie neu
geboren fühlen könne, Pubertierende sich abnabeln,
das Abitur zur schweren Geburt werde oder auch ein Stern
geboren werden könne. (29) Indras Geburt
müsse um den fünften oder sechsten Lebensmonat angesetzt werden, ein
Umstand, den S. später noch näher erläutern wird. So heißt
es später: Regelmäßig werden die indischen Götter...
als bereits geboren bezeichnet. (57) Im Grunde, so S., seien all seine
Abenteuer Kindheitsgeschichten: wenn er mit dem Holzpferd spielt, wenn er mit
dem Dreirad fährt, wenn er später zum Räuber und
Rabauken wird, weil er wild um sich schlägt und lärmt,
wenn er mit der Keule zur Jagd geht. Zur Veranschaulichung
vergegenwärtige man sich einen jener altersgleichen Tauben- und
Dackeljäger unserer Fußgängerzonen. (39)
Psychologisch formuliert: Indra repräsentiert die
Frühgeschichte der menschlichen Entwickling in der Zeit zwischen dem
fünften/sechsten und etwa dem fünfzehnten Lebensmonat. (45)
Überdies weist S. darauf hin, daß solche
Kindheitsgeschichten auch in anderen Religionen zu finden seien, so
in Altbabylon oder Sumer. Darauf, daß die Kindheit bei allen Menschen
stereotype Züge aufweist, hatte bereits Freud hingewiesen. Aber schon in
dieser Zeit habe der Mensch Dramatisches zu bestehen. Das Engagement der
heidnischen Religionen habe nun der therapeutischen Zuwendung der
vergessenen Schichten des menschlichen Seelenlebens gegolten. (57)
In dieser frühen Zeit forme das limbische System das Unbewußte, das
sich gegenüber rationalen Zugriffen als resistent erweist. Die
rigvedischen Priester reinszenierten die Dramen der präverbalen Welt,
indem sie gezielt in nichtverbale, vorrationale Strukturen eingreifen. Ihre
Botschaft lautet: die Schöpfung ist geglückt. (58) Das
Erleben der Welt des Unbewußten ist vom Tagesbewußtsein abgegrenzt
und somit transzendent, aber nicht in dem Sinn wie die
monotheistischen Religionen diesen Begriff verstehen. Die Dramen der
Götter spielten daher auch am Rand der Welt, auf fernen Inseln,
verborgenen Höhlen, unerreichbaren Berggipfeln. Ins Tagesbewußtsein
schritten sie nur ausnahmsweise: bei Auserwählten, in der
Psychose, in der Trance, im Traum oder beim Fest. (59) Bisher ließen
sich Indras Abenteuer noch naiv durchschauen, aber wie steht es da
bei seinen Abenteuern des optischen Erschließens der Welt? fragt der
Verfasser weiter. Hierzu seien Kenntnisse über das frühkindliche
Wahrnehmungsvermögen vonnöten, wobei wieder die
Säuglingsforschung helfe. (69) Obwohl für Säuglinge die Welt
anfangs chaotisch sei, seien sie doch von Geburt an mit Ordnungs- und
Erwartungsschemata ausgestattet, so daß aus dem anfänglichen Chaos
sich Inseln des Wiedererkennens herausbildeten, die konzentrisch
weiterwüchsen vor allem Stimmen und Gesichter. (72) Erst
später lernten die Kinder den Unterschied zwischen Lebendigem und Totem
und zwischen Menschen und Tieren. Zwar hätten die Rv-Priester nicht um die
Säuglingsforschung gewußt, aber sie bedienten sich dergleichen
Metaphorik. Andererseits bleibe die Welt des Säuglings an sich uns
für immer verschlossen, alles könne nur Nach-forschung,
Re-inszenierung bleiben. Um die Welt zu erschaffen, mußte Indra nun
eine Höhle aufbrechen (geboren werden), an deren Ausgang der Drache Vrta
lauerte, den er aber besiegen konnte. Erst jetzt öffnete er die
Höhle, teilte Himmel und Erde, begrünte das Land usw. (76-78) In
diesem Zusammenhang weist S. auf den Gott Yama hin, der sich noch in der
Höhle befunden habe, als Indra sie schon gespalten hatte. Hier lebten noch
Aussätzige, Bucklige, Verrückte, Lahme, Zahnlose und Zwerge, aber es
fänden sich auch Edelsteine und Licht. (81-85) Die Abenteuer Indras
schlössen also erst an denen Yamas an. Während aber in den
heidnischen Religionen das Licht der Welt den Geborenen als
geglückte Schöpfung zuwinke, behaupteten die neuen
Religionen (Judentum, Christentum, Islam), der Mensch lebe im Grunde noch immer
in einer dunklen Höhle und würde erst später, im Reich Gottes,
zum Licht der Erlösung finden. (93) Das Licht wurde also in den neuen
Religionen von dieser Welt zur jenseitigen transformiert. S. macht darauf
aufmerksam, daß im Rv Licht mit Weite gleichzusetzen sei. (98f.) Die von
Indra geschaffene lichte Welt weitete sich mehr und mehr (so wie sich das
Gesichtsfeld des Kleinkindes weitet), die aber noch stabilisiert werden
mußte. Die Welt war in Himmel und Erde geteilt worden, Berge und
Bäume stützten nun den Himmel ab, daß er halten konnte. Die
untere Hälfte der Welt ist vertraut, sie ist die wiegende und tragende
Sicherheit, die Finsternis, aus der alles kam, die Mutter. Diese
Welt ist primär. Die obere Hälfte dagegen, wo Himmel und Sonne
herrschen, ist die Welt des Lichts, aus dem Blitze und Wolkenbrüche
kommen; spannend und lockend ist die Welt des Vaters. Diese Welt ist
sekundär. Etwa ab dem achten Lebensmonat findet sich die Zweierbeziehung
Mutter-Kind zur Dreierbeziehung Vater-Mutter-Kind erweitert. (118f.) Und noch
etwas flankiert die Welt des Vaters: die Sprache. Mitte des zweiten
Lebensjahres beginnt die aktive Sprachfähigkeit, womit sich die kindliche
Welt radikal verändert. Die frühkindliche Welt wird in Amnesie
versinken, aber das Fundament bilden, das alles trägt. Die
Ganzheitlichkeit des Erlebens jedoch wird für immer zerstört
[D.Stern] (121), denn durch Kategorisieren und Reduzieren reiße die
Sprache eine Kluft zur unmittelbaren Wahrnehmung. Indem sich die
Aufmerksamkeit auf Gattungen verschiebt, verblaßt die primäre
sinnliche Anschauung. (122) Und doch hat die Sprache weltgestaltende
Macht. Mit ihr wird die Welt beherrschbar gemacht. Bevor es dazu kommt,
muß das Kind jedoch aus dem ursprünglichen Chaos, das es
vorfindet, eine Welt von geordneten Strukturen herausfiltern, wobei es als
erstes Streifen und Ecken erkennt [A.Gopnik] (131). Schon von Beginn an
können die Säuglinge betastete und gesehene Objekte miteinander
identifizieren, dennoch konstruieren sie Einheiten, die es für uns
Erwachsene nicht gibt, z.B. singende Teddys oder goldene
Berge, sie kombinieren also frei aus verschiedenen Daten, die
ihnen zufließen. Erst nach und nach kommen die Kleinkinder in die Lage,
hier richtig zu assoziieren. Obwohl die Kinder relativ schnell
lernen, zwischen Belebtem und Unbelebtem zu unterscheiden, bestehe eine Tendenz
zum Animismus fort: Die Belebung des Leblosen durchzieht die
gesamte Kindheit. (139) Die falschen Synthesen aber, so S.,
seien Voraussetzung und Fundament für die richtigen im
späteren Leben, Learnig by doing könnte man dies auch
nennen. S. möchte deshalb auch lieber von wilden statt von
falschen Synthesen sprechen. Diese wilden Synthesen kommen auch im
täglichen Leben vor: Wer in die Sterne sieht, erschaut Bilder (Zwillinge,
Jungfrau, Stier, Pferdekopfnebel), der Mond bekommt ein Gesicht,
Lüscher-Kleckse regen die Phantasie an. (141) Was wäre die Dichtung
ohne wilde Synthesen? Im folgenden kommt der Verfasser auf das
Somaopfer im alten Indien zu sprechen. Dieses war auf den frühen Morgen
angesetzt, mit dem Beginn des Morgenrots, des Sonnenaufgangs. Zunächst
entzündete man das Opferfeuer für den Feuergott Agni, danach komme
die Zeit des Somas, Indras Zeit. Zweck des gesamten Kultes war die
mystische Vereinigung, die unio mystica oder Kommunion mit Indra. Zug um Zug
hatten sich die Anwesenden bislang in die Entwicklung von Indras Welt
zurückversetzt und waren dabei rituell Schritt für
Schritt zu Indra geworden. (152) Die gesamte rigvedische Götterschar
repräsentiert nach S. Etappen der frühen Kindheit, wobei Agni, Soma
und Yama die jüngsten, Visnu, Mitra und Varuna die ältesten und Indra
das Zentrum dieser Etappen bildeten. (156f.) Im einzelnen Menschen realisieren
sich nach altindischer Lehre mithin die je verschiedenen Wesen der Götter.
Während in der abendländischen Philosophie dem Menschen ein
Wesenskern, ein Ich, ein Subjekt, eine einheitliche Seele zugesprochen wird,
galt der Mensch in der Kultur des Rv als ein Bündel, ein
Ge-Schichte, ein systemisches Gefüge vieler eigendynamischer Einzelwesen;
individuell konturiert einzig durch ihre systemische Vernetztheit und den
Namen. (158) Das Leben wurde nicht zur Aufgabe oder
Selbstverwirklichung, sondern die Menschen erlebten sich als
Schauplatz der Götter. Die rigvedischen Sänger versetzten sich
in Zustände zurück, die den ersten Lebensmonaten ähnlich sein
müssen. (160) Trance, Träume und Metaphern sind die Kanäle
der unbewußten Welt, wobei es zur Heilsstrategie der rigvedischen
Religion gehörte, mit diesen Kanälen Kontakt zu pflegen. In dieser
vorsprachlichen Welt werde die Re-ligio (Rückbindung) spielerisch
inszeniert. (166) Einen Gott mit Tiermetaphern anzureden (Stier, Löwe,
Ameise), gehörte für die rigvedischen Priester als Medium zur
Zurückführung in die Indra repräsentierte seelische
Schicht. (167) Solche Rede in Metaphern hatte allerdings schon Herodot
nicht mehr verstanden, der diese Rede wörtlich genommen hatte. Wie
schon gesagt, gilt Indra als Erschaffer der Welt, doch zuvor mußte er die
dunkle Höhle, in der er lebte, verlassen. Hierbei kam ihm jedoch der
Drache Vrta in die Quere. Dieser Drache steht, so der Verfasser, für die
frühkindlichen motorischen und optischen Blockaden, die Indra in seiner
Entwicklung zu überwinden hat. (178) Indra besiegte den Drachen, d.h.
diese Blockaden von Blindheit, Lahmheit und Aussatz (=Aussetzung), durchbricht
Indra mit seiner Geburt im fünften, sechsten Lebensmonat. S.
weist darauf hin, daß schon in der Antike solche Behinderungen nicht
unbedingt wörtlich verstanden wurden, z.B. kann man blind vor Eifersucht
sein. Wie Jesus heilte auch Indra von solchen Gebrechen. Dabei sind Blindheit,
Lahmheit, Aussatz nicht irgendwelche Behinderungen, sondern typische
Gebrechen der Morgenröte, (183f.) d.h. der frühen Kindheit.
Jesu stereotype Heilungen gerade dieser Behinderungen lassen, so S., auf
indo-iranischen Einfluß auf das Christentum bzw. das Neue Testament
schließen. Aber auch die Motive um Tod und Auferstehung Jesu hätten
eine erstaunliche Parallelität zu entsprechenden Abenteuern
Indras im Rv. Zumal das Motiv der Tötung des Gottessohnes in den
heidnischen Religionen weit verbreitet war. (190) Das letzte
Kapitel widmet der Autor der Zeit nach Indras Auszug aus der Höhle. Hier
nun helfe keine Säuglingsforschung mehr, sondern nur noch
Bindungstheorien. Es gehe nun nämlich um die Loslösung von der
Mutter. S. führt hier den globalen Charakter des Mythos vom ausgesetzten
Königskind an, das später von einer Stiefmutter gefunden
wird (z.B. Gilgamesch, Horus und Osiris, Moses, Romulus und Remus). Für S.
ist der entwicklungspsychologische Hintergrund der, daß die gewaltigen
Veränderungen des Kleinkindes um den fünften, sechsten Monat auch die
Erscheinung der Mutter unberührt nicht lassen können. (208) Die
Mutter wird eine andere. Im Rv verhält es sich so, daß die
ursprüngliche Mutter (Aditi) nun von einer anderen Mutter (Usas)
abgelöst wird. Dabei handelt es sich natürlich um dieselbe Mutter,
nur erscheint sie jetzt unter anderen Aspekten. Der Sturz Indras ins Wasser,
von dem der Rv spricht, komme einer Aussetzung gleich, wobei die Eifersucht
Tvastrs, Indras Vater, die treibende Kraft bei Indras Aussetzung gewesen sein
könnte. (212-214) Das Drama um die Aussetzung fällt in eine Zeit, in
der Indra die Höhle verläßt. Nur weil er die erste
Geborgenheit, die der Höhle, zertrümmerte, konnte er ausziehen,
die Welt zu erschaffen. (218) Der Abschied von Aditi gelingt nicht ohne
Tränen. Sie bleibt ihm für immer Fundament für alles andere, was
danach kommt, Schoß und Nabel Aditis waren voller Bedeutsamkeit für
den kleinen Indra. Die Abschiedsszenen mit ihr sind, wenn man so will, Indras
Geburtswehen. (229) Nun kommt eine Zeit, die den differenzierteren
Eigenschaften einer Mutter vorbehalten sind: die Zeit Usas. Die Beziehung
zu Usas ist differenzierter als zu Aditi, aber auch voller Erotik. Die
Erinnerung daran werde jedoch bald in der Amnesie des Kleinkindes versinken.
Usas überzieht Indras Welt mit Sinn, Lebenslust und Schönheit. Sie
taucht sowohl in der Einzahl als auch in der Mehrzahl auf, manchmal in der
Dreizahl, was der Verfasser damit erklärt, daß sich Usas dem Kleinen
in verschiedenen Perspektiven und vielen verschiedenen Charakterzügen
zeige. (231f.) Usas ist die Göttin, die die Natur personifiziert,
erotisiert und ästhetisiert. Es sei rigvedische Überzeugung gewesen,
daß das, was in der frühesten Kindheit geschah, in analoger Weise
sich bei jedem roten Schönwettermorgen wiederholte. (238) Usas ist die
Göttin der Morgenröte, ermuntert die Erwachsenen zum Aufstehen, den
annähernd noch blinden Indra zum Sehen. Und die erotischen Reize der Usas,
wie sie in den Quellen beschrieben werden, sind Ferment gelingender
Schöpfung, (239) und nicht Sünde wozu die neuen
Vaterreligionen die Erotik gestempelt hatten. Als Morgenröte ist sie es ,
die den Schleier der Nacht ablegt. Sie gilt als Badende, die mit sexuellen
Reizen lockt. Die feminisierende Verzauberung, Ästhetisierung und
Sinn-Überhüllung des Kosmos war nur das eine, wenn vielleicht auch
das folgenreichste Schöpfungswunder der Usas. Ihre Schmink-, Tanz- und
Schleierspiele waren aber zugleich an weitere Schichten unseres Seelenlebens
adressiert; zumal an jene, die den späteren Grundstein zur Sexualität
legen. (250) Doch die rigvedischen Texte waren auch an junge Mütter
gerichtet, die aus dem Fundus von Usas dieses Wissen weitergeben sollten.
Es ging dabei nicht um das Lernen von Richtigem, sondern um
das Entkrampfen und Freisetzen von authentischem, spontanem und
unmittelbarem Verhalten. (251) Obwohl Repräsentantin der
Schöpfungsordnung galt Usas auch als Hure, jedoch nicht im unmittelbarem
Sinne. In Altindien war zudem nach Auskunft des Autors die Prostitution auch
nicht so sehr ins soziale Abseits gedrängt gewesen wie in unserer
Gesellschaft. Eher war sie in der Nachbarschaft des Heiligen angesiedelt. Die
Prostitution ist die Gegenspielerin zur Familienordnung, und mit erotischer
Faszination allein sei keine Familie durchzubringen. (256) Jedoch geht es S. um
etwas anderes, nämlich darum, daß die Prostitution den
Schlüssel für ein weiteres Geheimnis der Schöpfung in
Händen halte: Daß die Sexualität schon im frühkindlichen
Alter erlebt, dann aber vergessen wurde [S.Freud], bei Zwei- bis
Dreijährigen tabuisiert werde. Die Mythen der Usas galten beiden Polen:
nicht nur dem halbjährigen Indra, sondern auch erwachsenen Männern
und Frauen. Im Kinde würden die Keime gelegt, die nach einer langen
Latenzphase von mehr als einem Jahrzehnt wieder erwachen. (259) Die
spätere Erinnerung an Usas muß aber frei von allem
Individuellen sein, sonst würde der Mann nur nach dem Ebenbild seiner
Mutter suchen. Weil jedoch auch in der Prositution jedes Individuelle
ausgebebldndet wird, wurde Usas wegen dieser psychischen Parallelität mit
einer Hure verglichen. (263) Wenn es nun heißt, daß Indra mit
einem Dreirad zur Hochzeit fuhr, so ist damit seine eigene mit Usas gemeint.
Hierbei scheint Indras Hochzeitskutsche, von der im Rv gesprochen wird,
irgendwie mit seinem Dreirad identisch gewesen zu sein.
(266) Klar sollte sein, daß seine Hochzeit mit seiner Mutter Usas nicht
als Inzest (d.h. wörtlich) gewertet werden darf, sondern als die erste
Erfahrung des etwa Einjährigen mit der Sexualität überhaupt,
seine Erfahrung mit der Schönheit der Welt überhaupt und sein
Ja zu dieser Schöpfung. Zuletzt stellt S. die Frage, warum bei
diesen Dramen der ersten Lebenszeit keine Mädchen mitwirken, sind doch
alle Schöpfungsabenteuer eben nicht geschlechtsspezifisch. Der Autor
erklärt dies mit zwei Gründen: 1. Zwischen kleinen Buben und
kleinen Mädchen muß in der Ausbildung dessen, was später zur
Sexualität ausreift, eine reale Asymmetrie bestehen. (269) 2. Das
Verhältnis des Jungen zur Mutter ist dorniger als das von Mädchen zur
Mutter und damit seien die Bindungs- und Löseabenteuer für Jungen
gefährlicher. (270) Insgesamt, so meint S. am Ende seines Buches,
scheinen in allen Völkern die Themen des Heiligen Variationen des immer
gleichen Typs zu sein. (283) Nicht umsonst hatte der Autor immer wieder auf
vergleichbare Parallelen zu anderen heidnischen Religionen der
Frühzeit, auch der Eiszeit im übrigen, hingewiesen. S. kam es vor
allem um deren Unterschiede zu den Vaterreligionen Judentum, Christentum, Islam
an, die nicht die Schöpfung, sondern das Weltende ins Zentrum ihrer Lehren
stellten. Was ich noch nicht betont habe, ist die Tatsache, daß der
Verfasser seine Thesen stets mit Zitaten aus dem Rv belegt. Ich halte es
für beeindruckend, wie hier eine uralte Quelle in einer für uns im
Grunde nicht mehr verständlichen Sprache in ein neues Licht gerückt
wurde.
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